Reisemissgeschick & Hilfe der Einheimischen nach Fußball
Europa

Pleiten, Pech & Dankbarkeit: Einheimische Hilfe bei Reisemissgeschick

Und wieder gestrandet! Gehört es nun schon zum jährlichen Rhythmus dazu, von einem Reisemissgeschick im Sommer nervlich herausgefordert zu werden? Vor einem Jahr war es die kaputte Zylinderkopfdichtung meines Golf 6, die mich in Kroatien bei einer wundervollen Familie stranden ließ. Dieses Mal schien das Reisemissgeschick klein, doch die Hilfe der Einheimischen in der Kleinstadt Weismain im schönen Franken hat mich neuerlich tief beeindruckt.

Ich durfte zwei Stunden erleben, die mir den Glauben an das Gute im Menschen ein Stück weit zurückgebracht haben. Gerade in Zeiten, in denen viele nur noch für das eigene Wohl agieren, ein Virus spaltet und kapitalistische Grundbestrebungen Alltag sind, wird die erlebte Freundlichkeit & Hilfe mehrerer Menschen bei meinem jüngsten Reisemissgeschick zum tiefen Wunsch für den eigenen Charakter.

Halb blind in Weismain: ein mit eigener Dummheit erzeugtes Reisemissgeschick

Was war eigentlich passiert? Nun, die Ausgangsgeschichte klingt nicht sonderlich spektakulär. Wie schon so manches Mal zuvor wurde mir meine fehlende innere Ruhe zum Verhängnis. Vor einem Fußballspiel im schönen Waldstadion Weismain hatte ich den fahrbaren Untersatz auf einer kleinen Seitenstraße der circa 4.700-Einwohner-Stadt geparkt.

Nach dem Abpfiff der Regionalligapartie also geschwinden Fußes zurück zum Auto, um zeitnah die zwei Stunden entfernten heimischen vier Wände zu erreichen, meinen Sohn friedlich im Bett schlafen zu sehen und mich selbst in die Waagerechte zu begeben. Kurz gesagt: echten Zeitdruck hatte ich nicht, doch es gehört wohl zu meiner Natur, Dinge schnell zu erledigen beziehungsweise in diesem Fall Abkürzungen zu suchen.

Da die Maps-Route aber nicht aufgeht, sondern ein Gestrüpp wenige Meter zwischen dem Auto und mir auftaucht, muss der logische Weg eben durch die Sträucher gehen. Kein Problem, Sekunden später stehe ich an der Straße, nehme meinen geliebten Volvo aber nur verschwommen dar. Der Herzschlag nimmt hingegen zeitgleich Fahrt auf: Wo ist meine Brille?

Ein Stoßgebet später befinde ich mich wieder im Busch, auf der Suche nach den Gläsern, welche die Fahrtauglichkeit zurückbringen würden. Mit circa -2,5 Dioptrien fühlt man sich doch recht hilflos ohne Augenfahrrad. Als die ersten Minuten verstreichen und das Suchobjekt sich irgendwo da in den Büschen ins Fäustchen lacht, jedoch keinesfalls vor den eigenen Augen auftaucht, verstärken sich die hilflosen Gedanken: Soeben wird es dunkel – das Zeitfenster schließt sich! Gibt es überhaupt einen Optiker im Ort? Nebenher muss ich aufpassen, nicht selbst bei der Suche das Objekt der Begierde zu zertreten.

Blöderweise sind zudem Kontaktlinsen keine Unterstützung. So merkwürdig es klingt, aber ich komme mit den Dingern einfach nicht klar. Das nimmt schon Züge einer Phobie an. Ich kann ja meiner Frau nicht einmal beim Schminken zusehen, wenn sie näher an ihre Augenregion herankommt.

Der Retter in der Ferne …

Im Hintergrund nehme ich wahr, dass die Einheimischen inzwischen den merkwürdig mit der Smartphone-Taschenlampe im Busch herumfuchtelnden Typen registriert haben. Nach kurzer Zeit sind wir im Gespräch und ich bekomme immer mehr Hilfe bei meinem Reisemissgeschick. Einer holt verschiedenste Taschenlampen und begibt sich selbst ins tiefste Dickischt. Seine Mom schneidet Äste ab, besorgt zudem einen Rechen.

Zeitnah ist es vollkommen dunkel. Ich erinnere mich zurück an den verspäteten Anpfiff beim eben besuchten Regionalligakick, der mir nun zum Verhängnis wird. Gemeinsam mit meinen Helfern beraten wir über verschiedenste Optionen für den Fall einer erfolglosen Suche.

Haben Tankstellen eigentlich Brillen für Kurzsichtige? Die Antwort kenne ich nun: haben sie nicht. Gibt es einen Optiker im Ort? Tatsächlich, doch dessen Öffnungszeiten unterscheiden sich logischerweise von denen eines Dönerladens. Insgeheim bin ich schon dankbar, bereits am morgigen Samstag um 8:30 Uhr dort vorstellig werden zu können.

Nach circa 45 Minuten verzweifelter Suche auf dem Boden sowie in verschiedensten Ästen – teils zu dritt – lasse ich mich auf Empfehlung dazu hinreißen, eine private Rufnummer des Optikers zu googeln. Auf diese Idee wäre ich nie gekommen, doch in der Kleinstadt funktioniert das – unter Umständen. Die Leitung besetzt, doch ein Funken Hoffnung zurück. Nach zwei Versuchen probieren es auch meine Helfer – und kommen durch. Ich bekomme das folgende Gespräch nur bruchstückhaft mit.

Wenn der Optiker 22:00 Uhr am Freitag noch einmal öffnet …

Der Optiker ist sich wohl selbst nicht sicher, ob er ein annähernd passendes Modell spontan im Repertoire hat, möchte aber helfen. Und alsbald sitze ich im Auto meines Helfers in der Not auf dem Weg in die Innenstadt. Vor Ort ist der Optiker längst da. In einem Laden brennt noch (oder besser gesagt: wieder) Licht, die Türe ist offen. Man kennt sich, auch ohne direkten Kontakt.

Schnell bekomme ich eine Brille in die Hand gedrückt, die ich draußen probieren möchte, aber direkt in das Testzimmer geschleift werde. Als ich erfolgreich die kleinen Buchstaben fröhlich in den Raum posaune wird mir klar, wie ich durch wildfremde Einheimische aus Nächstenliebe von meinem Reisemissgeschick befreit werde. 100 Prozent Fahrtauglichkeit!

Nur ein kleiner böser Gedanke macht sich breit im Hinterstübchen: wie wird sich der Optiker die Rettungsaktion am späten Freitagabend wohl bezahlen lassen? Er könnte viele Preise aufrufen und so manchen hat man sich auch einfach verdient, wenn man nach einem schönen Freitagabend statt mit dem Auto gar auf dem Fahrrad zur Rettungstat reisen muss. Die Antwort auf meine Frage, was ich denn schuldig sei, macht aber sprachlos: „Nichts, ich freue mich, wenn ich helfen konnte.“

Sprachlos – das trifft es wirklich. In meinen Kopf schießen viele Gedanken: Reine Hilfe aus Nächstenliebe! Niemand hat hier in Zeiten von Corona lieber Abstand vor einem Fremden in der Not gehalten! Ich habe mehrere Leute beim wohlverdienten Feierabendbier unterbrochen, erhielt aber nichts als positive Unterstützung.

Es sind diese Reisemissgeschicke und daraus folgende Hilfsangebote der Einheimischen, die mir heute viel mehr geben, als eine besuchte Stadt oder Sehenswürdigkeit. Es sind Erlebnisse, die den eigenen Charakter hinterfragen lassen; den inneren Wunsch äußern, selbst exakt so zu werden, wie ich es soeben erlebte.

Die volle Ration Glücksgefühle

Das Ende erreicht hat diese Geschichte noch nicht, denn nach fünf Minuten Rückfahrt zum Auto bin ich noch einmal kurz in das Gebüsch. Jetzt sah ich ja wieder mehr als verschwommen die Umgebung. Tatsächlich ging mir der Gedanke durch den Kopf, jetzt doch bitte nicht noch eine Brille zu verlieren. Zwei Minuten später hatte ich jedoch auch mein Modell zurück, welches versteckt zwischen den Ästen baumelte…

Nicht jeder Freitag, der kein routinemäßiges Ende bringt, muss eine Enttäuschung sein. Enorm viel Dankbarkeit ließ mich zurück nach Chemnitz ziehen – und daran hatte das wunderschöne Stadion in Weismain nur eine nicht nennenswerte Aktie.

Merci an alle Beteiligten!

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

zwei × vier =

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.