Tallinna Kalev Stadion
Groundhopping

Fußball in Estland: Groundhopping oder nur Sportwettenparadies?

Was treibt einen eigentlich aus Fußball-Sicht nach Estland? Groundhopping lebt von alten Stadionperlen, lautstarken Fanszenen, Choreographien und großen Pyroshows.

All jene Dinge wird man beim Groundhopping in Estland nicht vorfinden – auch wenn Levadia und Flora Tallinn mit ihren 30-Mann-Blöcken hin und wieder ein kleines Feuerwerk entfachen. Vielleicht dient als Argument die ausgebliebene Kommerzialisierung des Sports selbst in der höchsten Liga.

Wenn ich ehrlich bin, dann zogen mich in der Vergangenheit eher die Schönheit Tallinns, diverse Nationalparks und preiswerte Flüge in den hohen Norden.

Zuletzt kam mit der Corona-Pandemie ein weiterer Faktor hinzu. Während Deutschland vor der zweiten Welle zittert, habe ich in Estland über Tage hinweg keine einzige Person mit Mundschutz gesehen. Die Neuinfektionszahlen schwanken im einstelligen Bereich und im Stadion sind Fußballfans willkommen.

Tamme Staadion in Tartu
Selbst die eine Tribüne in Tartu ist für estnische Verhältnisse bereits überdimensioniert

Ehrlichkeit muss sein, ein Argument für Groundhopping in Estland fehlt noch: der nationale Pokal. Im Cup kommen fast jedes Jahr Ergebnisse mit circa 30 Toren zustande, die manch Wettanbieter in der Vergangenheit teuer zu stehen kamen. Die Hobbykicks in den ersten Pokalrunden liefern nette Erinnerungen an einstige Wetttage.

Nach den ersten zwei Groundhopping-Reisen nach Estland im Jahr 2012 ging es 2020 endlich zurück in ein Land, welches ich immer mehr ins Herz schließe. Hineinspaziert in die fußballerischen Besonderheiten Estlands, die mir einst sogar teilweise das Studium finanzierten.

Estland Cup: Wenn Hobbyteams mit Bierbäuchen den Meister empfangen

Offiziell hat auch in Deutschland jeder Fußballverein die Chance, irgendwann im DFB Pokal auf die Bayern zu treffen. In Estlands Fußball ist dafür aber nicht der Gewinn eines untergeordneten Landespokals von Nöten, sondern die alleinige Anmeldung.

Das Ligensystem der Esten ging bereits vor Jahren bis in die Sechstklassigkeit, doch darunter bestehen sogar noch Hobbyligen – vergleichbar mit der Freizeitliga in diversen größeren deutschen Städten. Da jeder bestehende Hobbyverein für den Pokal melden und ohne regionale Vorausscheide auflaufen kann, kommt es jährlich zu verrückten Konstellationen.

Paide Kirmesstimmung im Fußballstadion
Kirmesstimmung in Paide – Alltag in Estland

2019 stand Eston Villas – ja, auch die Vereinsnamen sind in Estland oft ein Highlight – Reservemannschaft im Achtelfinale. Selbst die A-Elf spielt nur in der dritten Liga und entsprechend war das Schlachtfest vorprogrammiert. 0:21 endete die Partie eines Teams, welches nur noch vier Siege vom Pokaltriumph entfernt war.

Bitterböse Verluste für die Wettanbieter

Ungefähr acht bis zehn Jahre zurück liegt die Zeit, als Sportwetten-Anbieter selbst noch wenig über die Stärkeverhältnisse estnischer Fußballvereine wussten. Ich habe es nicht nur einmal mit den eigenen Augen gesehen, dass Spiele wie das oben genannte Achtelfinale mit Siegquoten um 1,5 auf den Favoriten ausgegeben wurden.

Für einen Triumph des Erstligisten mit einem Handicap von zwei bis drei Treffern tauchten dann schnell Wettquoten um 4,00 auf. Der geschenkte 21:0-Arbeitssieg ließ die Buchmacher bluten.

Natürlich wurden ähnliche Partien teils schon am Folgetag nicht mehr in das Wettprogramm aufgenommen, doch machten die Bookies diesen Fehler zwischen 2009 und 2012 Jahr für Jahr. Erst danach setzte der Lerneffekt ein, oder der Praktikant wurde wieder zum Kaffee kochen verdonnert.

Ich habe oft hinterfragt, welche Amateure die Quotenlegung betreuen. In all den Zeiten gab es nur ein schwarzes Schaf. Ein Buchmacher wollte die entstandenen Gewinne nicht auszahlen. Jahre später war ich am Firmensitz in Malta – und fand nicht einmal einen Briefkasten vor.

Viljandi Stadion mit Dorfplatzromantik
Ein nicht unüblicher Erstligaground der Meistriliiga (Viljandi Staadion)

Von Sportwetten-Erlebnissen kann er ja quatschen, aber wo sind denn die Stadionperlen? Wenn dies des Lesers Gedanken waren, dann muss ich nun wirklich in die Trickkiste greifen, denn viele Highlights gibt es im kleinsten Staat des Baltikums tatsächlich nicht. Das wohl schönste Stadion des Landes ist das Kalevi Keskstaadion, welches ich 2012 besuchen durfte. Heimverein Tallinna Kalev ist jedoch inzwischen bedauerlicherweise ins Kadrioru umgezogen.

Da die alte Speicherkarte 2012 der Prasslichkeit des Autors zum Opfer fiel, muss ich sogar auf 2020er Fotos zurückgreifen. Inzwischen wurden massenweise Stuhlreihen in den Beton gezimmert, aber eines der Highlight-Stadien in Estland bleibt die Hütte zweifelsfrei.

Kalevi Keskstaadion
Gegengerade des Kalevi-Stadions

Ansonsten herrscht eine Menge Einheitsbrei – selbst in der höchsten Liga des Landes. Ausbau auf nur einer Längsseite des Spielfeldes ist fast Standard. Eine Ausnahme bildet das Nationalstadion, indem derzeit neben Serienmeister Flora auch Levadia Tallinn zu Hause ist. Die nach einer Brauerei benannte A. Le Coq-Arena fasst über 14.400 Besucher, die aber im Ligaalltag nicht ansatzweise realisierbar sind.

Zweitligazuschauerrekord in Pärnu während Corona

Stattdessen kommen maximal bei Flora oder im zweitklassigen Derby zwischen Nomme Kalju und Levadia Tallinn vierstellige Zuschauerzahlen zustande. Wie man in Estland für Zuschauerrekorde sorgt, durfte ich live in Pärnu erleben. Bereits 2016 haben sich die beiden Vereine der Stadt dem Größenwahn hingegeben und eine Tribüne an das alte Stadion gezimmert, die zwar nur eine Kapazität um 2.000 Zuschauern ermöglicht, aber mit der aufwendigen Holzverkleidung Millionen verschlang.

Vaprus JK Pärnu Zuschauerrekord 2. Liga
Wenn Kinder in Massen für den Zuschauerrekord geködert werden…

Im Spitzenspiel der zweitklassigen Esiliiga A gegen Nomme United wurden das Ligaspiel mit der Eröffnung eines Jugendturniers gekoppelt, sodass die Kids zahlreicher Vereine Estlands auch noch dem Kick der „Profis“ beiwohnten.

Erstmals seit Jahren war die Tribüne – wenn auch nur mit neugierigen kleinen Seelen weit vor dem Stimmbruch – gut gefüllt. Die Art und Weise, wie Pärnu JK Vaprus aber im Nachhinein die Zuschauerzahl (1.749) feierte, hinterließ ein Kopfschütteln.

Der peinliche (?) Jubel des JK Vaprus

Offen wurde auf der FB-Seite darüber gejubelt, dass man den ewigen Zweitligarekord geknackt habe, es eine der Top10-Zuschauerzahlen im estnischen Ligaalltag gewesen sei und dem Besucherschnitt nach einzig und allein Flora Tallinn im ganzen Land vor den glorreichen Gelb-Schwarzen aus Pärnu liegen würde.

Selbstironie oder die pure Realität? Wohl eher letzterer Fall, denn der zum Capo umfunktionierte Stadionsprecher bließ während der Partie ins gleiche Horn.

Manch einer wird die Freak-Show feiern, andere nur den Kopf schütteln. Ich tat beides und gebe den Jungs aus Pärnu den nach oben ausgestreckten Daumen – nicht zuletzt, da der Kumpel sein im Stadion verlorenes Handy wenige Tage später dank der Ehrlichkeit des Finders und Geschäftsführers wieder überreicht bekam. Merci!

Gleicher quittierte den Zuschauerrekord übrigens mit den Worten: „Das ist das größte, was der Pärnu JK Vaprus je erreichte“. Mahlzeit!

Fanszenen in Estland beim Groundhopping ausgeschlossen?

Ein Stadtrundgang durch Tallinn offenbart, dass die großen heimischen Vereine in Sachen Kleberkultur keineswegs inaktiv sind. Die grünen Farben von Flora und Levadia sind an vielen Stellen zu sehen.

Stadiongewalt und echter Hass zwischen den Vereinen existieren dennoch nicht. Somit bekommen die Vereine der Meistriliiga eine Stadionberechtigung ohne zweiten Eingang. Gästeblöcke sind meist nicht vorhanden. Zwei ältere Ordner ersetzen im Regelfall die aus Deutschland bekannten Hundertschaften der Polizei.

Kalevi Keskstaadion Hintertor
2021 will Kalev zurück ins heimische Stadion

Eines haben sich die Esten dann aber doch abgeguckt und dies ist das Stilmittel der Pyrotechnik. Zwischen Levadia und Flora brannte es zuletzt meist in beiden Fanblöcken, auch wenn fast nie über 50 Mann zusammenstehen.

Auch der dritte Besuch des kleinen Staates im Norden des Baltikums hat eine Menge Freude bereitet. Die entspannte Lebensweise der Esten, die ausgebliebene Kommerzialisierung des Fußballs und viele Highlights in Estland abseits des Sports sind gute Gründe für eine Reise in den Norden.

Estland Groundhopping Tipps & Infos

  • Eintrittspreise: 2-6€ (zuletzt ein gutes Stück angezogen)
  • schönstes Stadion: Kalevi Keskstaadion
  • Vereine mit kleinen Fanszenen: Flora, Levadia, Nomme Kalju (auswärts dennoch nicht immer dabei)
  • Zuschauerdurchschnitt in der Meistriliiga: um 200-400, Flora Tallinn um 800
  • U19/U21-Vertretungen spielen gern im Stadion der „Profis“
  • Spielsuche recht einfach über jalgpall.ee möglich

Groundhopping auf Globushopper

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