Brna Stadion Landschaft
Groundhopping

The Day after Corona: Groundhopper-Treffen in Tschechien

Am Freitagmorgen verfolgten Fußballfans in der ganzen Republik die Nachrichten mit erhöhtem Interesse, als Tschechiens Premierminister Andrej Babis nach der Sondersitzung der Regierung vor die Presse trat. Das Land will zurück zur Normalität und gab die Grenzöffnung zur Mittagsstunde bekannt.

WhatsApp-Gruppen glühten! Innerhalb kürzester Zeit organisierten sich Reiseliebhaber und Fußballfans, von Sehnsucht geplagt, um das Wochenende im geliebten Nachbarland zu verbringen. Die Rede ist nicht allein von den Sachsen oder Bayern, auch Nordrhein-Westfalen, Thüringen, Berlin & Co. packte das Fußballfieber.

Tschechien Groundhopping: Corona-Regeln & Zuschauer

  • 300 Zuschauer sind in CZ seit dem Re-Start erlaubt
  • bis zum Saisonende 2019/20 sind 500 Zuschauer pro Sektor erlaubt
  • Alle Ligen unterhalb des Profifußballs (1. Liga / FNL wurden abgebrochen)
  • Korona-Cup & Bezirkspokal finden abseits des Profifußballs statt
  • Eine Haushalts-Einschränkung (bspw. im Auto) gibt es nicht
Brna Natur & Wolken
Traumwetter in Brna gab es stets nur im 5-Minuten-Takt

Deutschlands Groundhopper vereint in Tschechien

Freitag um 12:00 Uhr öffneten die Grenzen und nach den ersten Bildern aus Karlovy Vary am Vortag strömten immer mehr Deutsche ins geliebte Nachbarland. Pünktlich um 7:45 Uhr stand der fahrbare Untersatz vor meiner Haustüre, 8:46 Uhr – und damit 20h und 46 Minuten nach Grenzöffnung – war die Serie mit 83 ununterbrochenen Tagen im Heimatland beendet. Über die Anzahl der im Auto vertretenen Haushalte wird vorsichtshalber Stillschweigen vereinbart.

Slany Athletikstadion
Selten bespielter Ground: das Athletik-Stadion in Slaný

Ziele des Tages: Slaný, Bohušovice nad Ohří und Brná – wer kennt diese Städte denn nicht? Nein, ich werde nie ein echter Freund des Amateurfußballs & der Sportplätze werden. Die Sehnsucht nach 83 Tagen ohne Fußball war aber doch zu groß, Tschechien ist stets eine Ausnahme und die Anwesenheit vieler bekannter Nasen verstärkte die Vorfreude zusätzlich.

Klassentreffen beim SK Slaný

Entsprechend ging das Auftaktmatch zwischen SK Slaný und Kladno locker als Groundhopping-Klassentreffen in Tschechien durch. Unter den 44 Deutschen bei insgesamt handgezählten 124 Zuschauern waren Fans unterschiedlichster Vereine. Glaubt man manch Social-Media-Beitrag, wurden einen Tag später beim FK Duchcov sogar 72 Deutsche begrüßt.

Slany Groundhopperauflauf
Ein kleiner Teil des deutschsprachigen Publikums…

Im Laufe des Tages begegneten sich unter anderem Anhänger von Dynamo Dresden, dem Köln, Borussia Dortmund, Tebe, Cottbus Chemnitz, Erfurt, Plauen, dem FC Bayern, Regensburg & Aalen. Die Dunkelziffer dürfte groß sein, selbst wenn nur die Spiele mit eigener Anwesenheit betrachtet werden.

Star des Auftaktmatches war das Atleticky stadion, in dem der SK Slaný sonst nie aufläuft.

Korona-Cup in Tschechien

Reichlich Ironisch ist, dass zahlreiche aktuelle Partien im Rahmen des sogenannten Korona-Cups stattfinden, nachdem die Ligen unterhalb des Profibereichs vollständig abgebrochen wurden.

Offiziell durften 300 Zuschauer in die Stadien, schon seit Montag sind es 500. Geplant ist eine Ausweitung auf 1.000 Anhänger. Letztendlich sind die Zahlen im Amateurfußball aber Schall und Rauch, denn einerseits werden die Größenordnungen kaum erreicht und andererseits hätte im Leben niemand den 301. Stadionbesucher wieder in die Heimat geschickt.

Die auf fünf Minuten verkürzte Halbzeitpause und eine etwas flexible Anreise zum zweiten Kick des Tages lieferte ausreichend Zeit für eine kleine kulturelle und geschichtliche Fortbildung in der Zwischenzeit. Auf nach Theresienstadt!

Ghetto Theresienstadt & Kleine Festung

Terezín ist eine noch von Österreich-Ungarn im 18. Jahrhundert als Festung errichtete Stadt. Die Ziegelmauern erreichen imposante Höhen und lieferten entsprechend einen hohen Schutzfaktor. Die Stadt an der Eger entwickelte sich um die Festung herum.

Leider verkörpert die Kleine Festung heutzutage aber weniger die Baukunst und Geschichte der Habsburger aus dem 18. Jahrhundert, sondern eher die Zeit des Dritten Reiches. Ab 1940 wurde innerhalb der Festung das sogenannte Ghetto Theresienstadt als Konzentrationslager errichtet.

Der Besuch der Anlage und des Museums sollte stets unter Berücksichtigung der Information erfolgen, dass das Ghetto Theresienstadt als „Vorzeigel-Lager“ galt, sprich: Theresienstadt war das Konzentrationslager, in welches auch mal ausländische Journalisten gelassen wurden, um die vermeintlich heile Welt in den Lagern zur Schau zu stellen.

Grausamkeiten & Qualen im vermeintlichen Vorzeige-Lager

Wie dann die Zustände in anderen Konzentrationslagern gewesen sein müssen, kann man sich nur schwer vorstellen. Ungefähr 2.500 Menschen verloren ihr Leben aufgrund von Folter & nicht behandelten Krankheiten.

Gedacht wird den Verstorbenen mit Gräbern auf dem großflächigen Vorplatz der ‚Kleinen Festung‘. Hinzu kommen weitere 8.000 Tote in anderen KZs nach vorheriger Stationierung in Theresienstadt. Nur zwei Drittel der rund 1.500 Juden im Ghetto überlebte.

Ein beklemmendes Gefühl bei Betrachtung von Galgen, Schlafsälen oder dem ‚Arbeit macht frei‘-Schriftzug an den Eingängen ist nicht zu leugnen.

Mit Verspätung zu Gast bei Slavoj Bohušovice

Aufgrund des Dorffußballcharakters lasse ich mich notfalls gern von der Groundhopper-Polizei für den Regelverstoß der 12-minütigen Verspätung tadeln, sollte doch damit nur einer von 11 (!) Treffern beim 8:3 durch die Lappen gehen.

Einige geschüttelte Hände später wurde es Zeit für ein Highlight der besonderen Sorte: endlich wieder Klobása! Während die fettige Wurst Vegetariern die schlimmsten Albträume verschafft, genießt sie unter Groundhoppern einen gefühlt Gold-wertigen Status und brachte es vor Corona in der Facebookgruppe ‚Klobása – heimliche Königin Böhmens‘ wöchentlich auf zahlreiche Bewertungen.

Klobása-Ranking: gute Noten für die Wurst in Bohušovice & Brná

Für die Groundhopping-Neulinge in Tschechien: Abzüge gibt es für einen faden Geschmack, ungewünschte Konsistenz, Brot vom Vortag, fehlende Zugaben wie Kren zum Senf & natürlich überhöhte Preise.

Zu Todesurteil-Blicken kommt es beim Groundhopping in Tschechien, sollte Klobása im Brötchen serviert werden oder Ketchup die Wurst verzieren.

Klobasa beim Fußball in Brna
Klobása in Brná

Ob es an den Entzugserscheinungen liegt oder die zwei inhalierten Würste tatsächlich so gut wie wahrgenommen schmeckten, muss vorerst offen bleiben.

Ein surreales Gefühl erzeugte die Verabschiedungsrunde von gefühlt 30-40 Groundhoppern aus Deutschland mitten in Tschechien. Die Wege vor Spiel 3 spalteten sich auf. Für die Masse ging es nach Roudnice. Unsere Autobesatzung zog, da der Fahrer dort schon vor Jahren war, Brná am Rande von Usti nad labem vor und erhielt zur Belohnung eine wundervolle Kulisse mit Blick auf bewaldete Berge & die Elbe.

Brná vs. Roundnice: Fernduell um den Torrekord

Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass der torreichste Tag in Tschechien bevorstand. Nach dem 7:1-Erfolg für Kladno und dem 8:3 im zweiten Duell waren im Schnitt 9,5 Treffer gefallen.

Obwohl der 5:1-Überraschungssieg des Achtligisten gegen einen zwei Klassen höher ansässigen Kontrahenten im Bezirkspokal das Konto auf 25 Tore schraubte, gewann ein Chemnitzer Kollege mit einer anderen Spielkombination und unfassbaren 9,67 Treffern pro Spiel die nicht vorhandene Trophäe für diesen Rekord.

Brna Ausbau am Stadion
Tagesabschluss beim SK Brná

Der Rest war eine nette Laberrunde mit allerlei ausgepackten Erlebnissen aus früheren gemeinsamen Treffen, beispielsweise dem auch nach Jahren in Erinnerung gebliebenen Festmahl im mazedonischen Skopje mit circa 13 deutschen Fußballfans am Tag meines 50. Länderpunktes.

Ein Tag, der in Erinnerung bleibt

Dieser 6. Juni 2020 wird in besonderer Erinnerung bleiben. Wie oft haben wir alle schon an einem Fußballplatz gestanden? Hundertfach gemeinsam Spezialitäten verschiedener Länder, berühmte Stadien und Kulturen genossen.

Heute war für die Mehrheit der erste Tag seit circa drei Monaten nach altem Muster. Selten zuvor habe ich derart deutlich Menschen die Zufriedenheit von den Augen abgelesen.

Ist die Coronakrise beendet?

Doch wie viel Wahrheit steckt nun eigentlich im Titel dieses Artikels? Ist die Coronakrise beendet? In Tschechien konnte man das Gefühl bekommen: Spieler klatschten sich ab, foulende halfen dem Gegenspieler auf und ein Sicherheitsabstand unter den Fans existierte nicht.

Zudem schwappte die Demonstrationswelle aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland. In mehreren Großstädten demonstrierten Zehntausende größtenteils ohne Sicherheitsabstand auf der Straße gegen Rassismus und Polizeigewalt. Wenn in 14 Tagen nicht völlig neue Infektionszahlen vermeldet werden, braucht man sich zumindest vorerst vor dem Virus kaum mehr fürchten. Wirtschaftliche Folgen ausgeklammert.

Es wäre uns allen zu wünschen!

Heiß auf weitere Groundhopping-Berichte auf Globushopper? Dann schau doch mal auf meine Eredivisie-Komplettierung in Holland, das Abenteuer Fußball in der Dom.Rep oder den Traum von La Bombonera in Buenos Aires!

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