Arab Contractors Stadion Flutlicht
Groundhopping

Ägypten – im Land der ausgesperrten Fans

Ein wachsender Bauch wie sonst nur in der Schwangerschaft, schnorcheln im Meer an Korallenriffen und Hurghada als einzig bekannte Stadt des Landes? So oder ähnlich laufen die meisten All Inclusive Urlaube in Ägypten ab.

Und so hatte meine Frau sich Ägypten wohl auch vorgestellt. Blöd nur, wenn man den reiseaffinen Ehepartner zwar mit treuherzigen Augen zur AI-Buchung überredet bekam, dessen Gedanken sich aber dennoch seit Wochen mehr um die Cheops-Pyramide und König Fußball als um die Poolbar im Hotel drehten.

Warum Afrika eine solche Herausforderung ist…

Groundhopping in Ägypten ist für den üblichen europäischen Fußballfan bereits aufgrund der afrikanischen Gepflogenheiten kein leichtes Unterfangen.

Diverse Mannschaften müssen während der Saison regelmäßig die Stadien wechseln, Terminierungen lassen sich erst spät im Internet finden und Mail-Anfragen verschwinden im tiefsten Nirwana des Schwarzen Kontinents.

Ägypten baut neben Ländern wie Südafrika, Marokko oder Tunesien noch am ehesten auf europäische Standards, sodass sich mit etwas Mühe doch recht schnell Informationen über potentielle Spiele entlocken lassen – zumindest leichter als beim Groundhopping in der Dominikanischen Republik. Spielbesuche stehen dennoch oft auf der Kippe. Schuld ist der 1. Februar 2012!

Wie der 1. Februar 2012 den Fußball in Ägypten zerstörte

Die offizielle Story ist schnell erzählt. Bei Fan-Randalen verloren 74 Menschen ihr Leben, eine vierstellige Anzahl wurde verletzt. Bereits im Vorfeld wurd die Partie zwischen Gast Al Ahly aus Kairo und dem Erzrivalen Al-Masry als „Treffen der Vergeltung“ angekündigt.

Die Erklärung einer rein fußballerischen Auseinandersetzung wird jedoch flächendeckend nicht akzeptiert.

Ein politisches Massaker?

Vielmehr sei es ein politisch motivierter Anschlag gewesen, worauf zahlreiche Indizien schließen lassen. So ging direkt zum Beginn des Hauptangriffs das Licht im Stadion aus, Fans wurden in ihren Blöcken eingeschlossen und eine Massenpanik damit bewusst herbeigerufen.

Die Fans des Gastes von Al Ahly waren politisch gegen Ex-Staatsinhaber Mubarak aktiv und sollten – so die Gerüchte – an diesem Tag von den Gegnern der angezettelten Revolution in die Schranken gewiesen werden.

Al Ahly: „Nie wieder Fußball!“

Al Ahly kündigte noch am Tag der Tragödie an, dass die Mannschaft nie wieder Fußball spielen werde. Über diese Aussage wuchs eine Menge Gras, doch die Nachwirkungen des 1. Februars 2012 beeinflussen den ägyptischen Fußball bis zum heutigen Tag.

Wertungen möchte nicht ich vornehmen, wohl aber die Auswirkungen nennen: Ab dem 01.02.2012 durften rund 6 Jahre keine Fans mehr auf den Tribünen von Erstligaspielen stehen. Erst seit 2018 lockern sich die Regeln langsam wieder. In Port Said und in alle anderen Stadien dürfen wieder Zuschauer.

Da für die Beantragung eines Tickets jedoch diverse Schritte zu gehen sind, füllen sich die Stadien in Ägypten nur spärlich.

Wenn der Kampf um die Eintrittsgenehmigung 90 Minuten dauert…

Als ich 2017 noch vor der neuerlichen Zuschauererlaubnis das Spiel El Mokawloon vs. Aswan plante und rund 150 Meter vor dem Stadion auf die Polizei traf, wusste ich, welch harter Weg bis zum Stadionbesuch auf mich warten würde.

Arab Contractors Stadion (außen)
Schnappschuss entgegen der Bestimmungen: Fotos waren nicht erlaubt

Diverse Groundhopper hatten es zuvor erfolglos versucht, ein ranghöheres Fußballspiel in Ägypten zu besuchen, andere hatten ähnlich viel Glück wie ich. Die erste Anfrage bei den Sicherheitskräften führte zur erwarten Reaktion, dass Fans nicht erlaubt seien.

Wir sind doch nur wegen Fußball hier

Es begann die Prozedur, die im Ausland durchaus erfolgversprechend sein kann: Argumentationen, dass man für das Spiel extra aus Hurghada angereist sei, der Heimverein in der Gunst weit oben stehe und man sich zu gern ein Bild vom Fußball in Ägypten machen würde.

Als Belohnung für mein Plädoyer gab es … einen Tee zur Beruhigung, ausgeschenkt vom Sicherheitspersonal – auf kleinen Plastikschemeln sitzend. Den Sicherheitschef bekam ich kurz ans Telefon und nach rund 25 Minuten echte Hoffnung, die Erlaubnis zum Spielbesuch zu erhalten.

Als sich das Blatt doch wendete, wurde die bessere Hälfte gebeten, die tiefste Trauermiene aufzusetzen, was zu einer erneuten Verhandlungsrunde führte.

Um die Nummer abzukürzen: Nach fast 90-minütiger Verhandlung wurden wir vom Präsident höchstpersönlich mit dem Auto die 150 Meter zum Arab Contractors Stadion gefahren und in den VIP-Sektor verfrachtet.

Grauenvoller Fußball – große Emotionen!

Insgesamt rund 50 Offizielle von beiden Vereinen durften die Partie schlussendlich im Stadion mitverfolgen. Darunter auch ein alter Mann, der in der Halbzeitpause bei Kuchen und Tee behauptete, einst für die Nationalmannschaft gegen Deutschland getroffen zu haben und uns stolz zur Bestätigung ein Youtube-Video präsentierte.

Arab Contractors Stadion
Im VIP-Sektor des Arab Contractor Stadions

Allgemein lieferte das Groundhopping-Abenteuer in Ägypten genau das, was wir erwartet hatten: ein heruntergekommenes (und damit ins Herz geschlossenes) Stadion, sportlich ein äußerst zähes Duell und doch genau die Emotionen, die man mit Afrika verbindet.

Apropos Emotionen: Hier findest Du alle heißen Ticket-Infos und einen Erfahrungsbericht zum Fußball und Groundhopping bei Boca und in Buenos Aires allgemein.

„Randale“ im VIP-Bereich

Obwohl wir uns ausschließlich unter Schlipsträger gemischt hatten, ließ ein später Ausgleich die Sicherungen durchdrehen, sodass ein Stuhl durch den VIP-Sektor flog und sich manch Faust ballte. Ach Ägypten, wie schön wäre es, Dich wieder in voller Pracht zu sehen…

Bis dahin werden aber zweifelsfrei noch einige Jahre vergehen.

Arab Contractors Stadion (Dach)
Stadiondach des Arab Contractors Stadion

Groundhopping Ägypten – Infos & Tipps

  • Schreib den Verband an, um frühzeitig Paarungen zu erhalten
  • Vertrau nicht den Soccerway/Flashscore-Stadionangaben
  • Nutze soziale Netzwerke, um mehr Informationen zu erhalten und Vereine zu kontaktieren
  • Mindestens 2h vor dem Anpfiff in Stadionnähe sein
  • Gib dich nicht mit einem einfachen ‚Nein‘ zufrieden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

1 × 2 =

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.