Südamerika

Reiseabbruch wegen Corona: Die „Flucht“ aus Argentinien

Caipirinha & Sonne satt an der Copacabana! Ungläubiges Staunen an den riesigen Wasserfällen Iguazus! Zuckerhut & Christusstatue in Rio de Janeiro erklimmen.

Mit diesen und vielen weiteren Träumereien vergingen die letzten Arbeitstage vor der anvisierten Reise im März 2020, die aufgrund von Covid-19 jedoch mit einem ungewollten Reiseabbruch enden sollte.

Die letzten Stunden vor dem Breitbildmonitor schienen nicht zu vergehen, als unsere illustre WA-Gruppe eine Nachricht erreichte: „Erstes Problem. Der Sohn unseres Fahrers hat entweder schwere Influenza oder Corona. Ergebnis kommt erst morgen. Wir bleiben dabei, dass er uns fährt?

Wer hätte zu diesem Zeitpunkt ahnen können, dass die sich anschließende kurze Diskussion im Gegensatz zu einigen rund eine Woche später zu treffenden Entscheidungen nur ein spielerischer Auftakt war?

Dieser Corona-Reisebericht erzählt davon, wie drei Wochen Südamerika auf rund ein Drittel schrumpften, sich die Lage in Argentinien innerhalb von Stunden dramatisierte und wir gefühlt in letzter Minute wegen Corona aus Argentinien in die Heimat flüchteten.

Vorfreude pur: Auf nach Brasilien!

Ja, er fährt uns zum Flughafen! Das obige Problem wurde innerhalb von wenigen Minuten gelöst. Der Sohn des Fahrers wird schon Influenza haben und falls nicht, dann muss sich der Vater noch lange nicht selbst infiziert haben.

Eine lockere und irgendwie lässige Entscheidung – gewiss aber verständlich. Ich spreche schließlich von einem Tag, an dem in den offiziellen Zahlen der John-Hopkins-Universität noch kein mit Covid-19-Verstorbener in den Statistiken auftauchte.

Lesern, die mit mahnenden Zeigefinger ein „Selbst Schuld, wenn ihr in diesen Tagen auf Reisen geht!“ auf den Lippen haben, muss ich die Fallzahlen präsentieren: Brasilien hatte am Tag des Reisestarts erst vier bestätigte Corona-Fälle, Argentinien einen einzigen.

Reisevergnügen in Saus und Braus!

Von Highlight zu Highlight! Kathedrale und Street Art rund um die Szenestraße Beco de Batman in Sao Paulo, Christusstatue, Copacabana, Escadaria Selarón und das Maracana in Rio – die ersten Tage im schönen Brasilien ließen mich an eine sorgenfreie Reise glauben.

Copacabana in Rio
Copacabana in Rio de Janeiro

Weder der News-Feed meines Handys noch das lokale TV-Programm wurden mit Covid-19-Meldungen im Dauertakt erschüttert. Allein beim Abendessen im Restaurant am 9. März verkündete die Nachrichtensprecherin des in der Ecke angebrachten Fernsehers in wenig zittrigen portugiesisch, dass es inzwischen sechs Corona-Fälle in Rio de Janeiro gebe und die Zahl im gesamten Land auf 36 angestiegen sei.

Am kommenden Morgen sollte unsere Rundreise nach Buenos Aires weitergehen, bevor wir Schritt für Schritt wieder in Richtung Startpunkt zurückgereist wären. Leider beginnt hier die Betonung des Konjunktivs, obwohl die Neuigkeit, dass das Kind des Flughafenfahrers allein auf Influenza positiv getestet wurde, eine nette Randnotiz war.

Der letzte Reisetag ohne Corona-Dominanz

In Argentinien war die Stimmung anfänglich aufgehellt wie die Sonne auf der Flagge des Landes, deren Bedeutung – Freiheit – uns aber innerhalb weniger Tage geraubt werden sollte.

Der Besuch des Copa-Libertadores-Matches zwischen den Boca Juniors und Medellin im berühmt-berüchtigten La Bombonera sorgte noch für ganz andere Problemchen: Ticketsorgen, Respekt vor den Kontrollen am Stadion und ähnliche Themen ließen die Schweißperlen rollen.

La Bombonera
La Bombonera – Kult-Stadion in Kult-Stadtteil

Unterm Strich steht ein grandioses Abenteuer! Zum Highlight Boca in der Pralinenschachtel Bombonera könnt ihr hier mehr lesen. Auch andere Deutsche waren mit uns im Stadion. Darunter ein einzelner Hamburger in der Reihe vor uns, der stolz von seinen weiteren Reiseplänen rund um Buenos Aires berichtete.

Der Anfang vom Ende: Dunkle Wolken über Buenos Aires

Die ersten sprichwörtlichen Gewitterwolken zogen ab sofort am Himmel auf. Mit den Worten „Sollten wir vielleicht ein wenig im Auge behalten…“ wurde in der WA-Gruppe die jüngste Ausgabe des „International Travel Documents“ geteilt. Corona war in den Medien angekommen, nicht zuletzt, da es in Buenos Aires einen ersten Todesfall zu beklagen gab.

Nur Stunden später verkündete Paraguay, dass Großveranstaltungen in den kommenden 15 Tagen verboten seien und der Schulbetrieb eingestellt wird. Erstmals begann die Suche nach Alternativen, denn die Anreise zu den Iguazu Falls war eigentlich über einen Schnäppchenflug nach Asuncion angedacht und entsprechend stand die Ein- und Ausreise in Paraguay plötzlich auf denkbar wackeligen Beinen.

Hiobsbotschaften im Stundentakt

Ab sofort kam es immer härter, denn im Stundentakt – während wir einen vermeintlich tiefen-entspannten Tag in der Wohlfühloase Tigre Delta genossen – prasselten neue Horrormeldungen herein:

  • Quarantänepflicht für in die Heimat zurückkehrende Einheimische in Argentinien
  • Paraguay schließt ab sofort alle Staatsgrenzen
  • Gerüchten nach drohte auch in Uruguay und Chile die Eintrittsverweigerung, sodass auf dem Landweg nur noch Brasilien zu erreichen war.

Während wir in Tigre auf dem Katamaran durch die Flussarme des riesigen Paraná-Deltas schipperten, wurde immer deutlicher, dass Brasilien vermutlich bereits der einzige erreichbare (Sicherheits-)Hafen sein könnte.

Tigre Delta Vegetation
Ein letzter schöner Tag am Tigre-Delta

Krisengespräch mit bitteren Konsequenzen

Statt Fußball am Abend (das Match von Racing Avellaneda wurde sowieso entgegen aller Ankündigungen des Morgens nur Stunden vor dem Anpfiff zum Geisterspiel erklärt), fanden sich fünf deutsche Heinze zum Krisentreffen zusammen.

Chapeau an alle Beteiligten, denn die folgende Diskussion war in meinen Augen großes Kino. Obwohl die Nerven verständlicherweise blank lagen, war der Austausch absolut konstruktiv. Mit kühlem Kopf wurden die Sorgen & Ängste sowie Möglichkeiten abgewogen.

Zusätzliche Brennpunkte verstärken die Sorgen

Problemfall 1: Zwei Personen unserer 5-köpfigen Reisegruppe husteten stark. Der Beweis, dass dies auch schon Wochen zuvor ähnlich war und damit alle Corona-Theorien an den Haaren herbeigezogen waren, hätten wir einem Grenzer oder allgemein unseren Mitmenschen gegenüber nicht erbringen können.

Problemfall 2: Argentinien macht Ernst! Der Staat gab bekannt, dass (Stand: Abend des 12.03.) spätestens nach dem 16.03. auf unbestimmte Zeit kein Flieger mehr in Richtung Europa abhebt. Eine Urlaubsfortsetzung innerhalb der Landesgrenzen wäre entsprechend zu einem ungewissen Wagnis verkommen.

Brasilien oder Heimreise?

Entsprechend standen zwei Optionen im Raum: Brasilien oder Heimreise! Von Brasilien aus war die Rückkehr nach Europa in zwei Wochen noch am ehesten wahrscheinlich, da Präsident Bolsonaro – welcher später an Corona erkranken sollte – das Virus belächelte und sich gegen eine Einschränkung des öffentlichen Lebens aussprach. Ob wir aber tatsächlich ins Land gelassen würden, konnte niemand garantieren.

Nach einigen heißen Plädoyers wurde es Zeit für die Abstimmung.

Abgegebene Stimmen: 5, ungültig: 0. 80 Prozent der Reisegruppe wünschten den sofortigen Reiseabbruch, einer hätte gern noch etwas abgewartet.

Ich nehme vorweg, dass sich seine Meinung noch ändern sollte und gebe offen zu, dass ich als Single eventuell auch die Abenteuervariante gewählt hätte. Der Gedanke an meine Frau in den heimischen Wänden in Kombination mit damals noch nicht in die Öffentlichkeit geratenen Rückholplänen seitens der Bundesregierung machten die Entscheidung jedoch einfach.

Wolken vom Flugzeug
Traumhafter Blick aus dem Flugzeugfenster

Die Rückreiseplanungen geraten ins Stocken

Eine schnelle Rückreise aus dem fernen Südamerika bucht sich jedoch nicht wie der verlängerte Wochenendtrip nach Prag oder Paris – speziell, wenn die ganze Welt erzwungenermaßen das Heimweh packt.

Nach Abwägung aller Optionen stand die einzig vernünftige Flugroute Buenos Aires → London Gatwick → Berlin Tegel, die via Flugbuchungsportal in den Abendstunden teurer geschossen wurde, als Geld zuvor für Hin- und Rückflug zu berappen war. Nach vermeintlich abgeschlossener Buchung flatterte folgende Mail ein:

„Hallo! Ihre Buchungsanfrage wird bearbeitet und wir werden uns bei Ihnen melden, sobald wir Genaueres wissen. Bitte beachten Sie, dass dies bis zu 72 Stunden dauern kann. Haben Sie mit Kreditkarte bezahlt? Dann haben wir den Betrag bereits auf Ihrem Konto reserviert.“

Eine ähnliche Mitteilung im Anschluss an eine kostenpflichtig abgeschlossene Buchung hatte ich noch nie bekommen. Unser Flug sollte in rund 13 Stunden gehen. Sämtliche Kontaktversuche waren erfolglos, sodass wir uns erschöpft, nach einem Quilmes, in den Schlaf sinken ließen.

Erfolgreiche Zweitbuchung nach London Gatwick

Es gibt sie noch, die Probleme, die sich von alleine lösen. Als der Wecker schrillte, war das Geld auf der Kreditkarte bereits nicht mehr geblockt und die Ablehnung der Buchungsanfrage ins Postfach geflattert. Um ähnlichen Sorgen bei der Zweitbuchung zu entgehen, wurde ausnahmsweise direkt über die Airline der Flug nach London gezahlt.

Buenos Aires Flugausfälle
Zahlreiche Ausfälle und Verspätungen bei Abflug und Ankunft

Ein letztes Uber brachte uns zum Flughafen, um frühzeitig Gewissheit zu haben, ob der große Vogel noch abheben würde. Überall an den Bildschirmen blinkten rote Balken.

Das Wort „cancelado“ zerstörte die Pläne von manch panisch dreinblickenden Reisenden, doch der grüne Balken hinter dem Reiseziel London mit der Aufschrift „on time“ ließ uns ein nettes Plätzchen im Gewusel suchen, um den Anschlussflug nach Berlin zu schießen und der besseren Hälfte mitzuteilen, dass man schon morgen wieder in Chemnitz aufschlagen würde.

Gefühlschaos vor dem Rückflug

Welche Gedanken uns durch den Kopf gingen? Ein wenig Dankbarkeit, dass zumindest der Rückflug nach London tatsächlich abhob. Unmengen Frust darüber, dass die Sehnsucht nach den Iguazu Fällen, Zuckerhut und Co. bestehen blieb und stattdessen das Geld in einen Notflug investiert werden musste. Zugleich aber auch die Motivation, die Reise so schnell wie möglich nachholen zu wollen.

Wie sehr die Müdigkeit uns belagerte, wurde im Flieger deutlich, als eine neue Fabelzeit im Solitär etwas übereifrig gefeiert wurde und unsere Sitzreihe 80 Prozent der Punkte eines anderen Spiels in den High-Score-Listen des Flugzeuges einnahm.

Einmal das komplette Snack-Angebot, bitte!

Die Krönung quälend langweiliger 13,5 Stunden war aber der Versuch, die gesamte Karte des Bordservices in den Warenkorb zu packen (Warenwert von 6.144,50$) und zu testen, ob dann überhaupt noch jemand Getränke- oder Snack-Nachschub zu ordern vermochte.

Norwegian Snack-Warenkorb
6.144,50$ hätte das gesamte Snack-Angebot gekostet.

Eine echte Überraschung bekamen wir noch auf den Flughäfen geboten. Obwohl der Flugbetrieb zwischen der UK und Deutschland kurze Zeit später größtenteils zum Erliegen kam, ließ sowohl in London-Gatwick als auch Berlin-Tegel nichts auf eine coronabedingt veränderte Lage schließen, während in Frankfurt Menschen bis zu vier Stunden für die Einreise benötigten.

Panik in Buenos Aires!

Belen, die Eigentümerin unseres Apartments in Buenos Aires, meldete sich noch vor unserer Ankunft in Deutschland per WA mit diesen ins Deutsche übersetzten Worten: „Nur zur Sicherheit: bitte informiert mich, wenn einer von euch in der Zukunft Symptome zeigen sollte. Ich möchte natürlich keine Panik schieben.“ Unsere beruhigende Antwort ließ doch ein paar Steine vom Herzen purzeln:

„Großartig. Die Paranoia hat Argentinien erreicht. Alle drehen hier durch!“

Kurz nach der Rückkehr legte Argentinien und speziell Buenos Aires das öffentliche Leben komplett lahm. Eine Zwangsquarantäne für uns wäre unvermeidlich gewesen.

Am 19. März wurde der ursprünglich angedachte Rückflug gestrichen, wir hätten es also auch aus Brasilien nicht mehr nach Europa zurückgeschafft. Die Grenze zu Argentinien war bereits zu.

Nachwirkungen: Deutsche noch über einen Monat in Buenos Aires

Etwa zwei Wochen nach der Rückreise fand einer der Reisegruppe einen Artikel im Hamburger Abendblatt, welcher am Rande das Schicksal eines Hamburger Fußball-Reisenden thematisierte. Ein Kollege des (wohl) im Stadion angetroffenen Hamburgers beschrieb darin den Gefühlszustand seines Kumpels mit den Worten „Der ist mit den Nerven am Ende!“

Wie wird es dann erst den beiden älteren Damen ergangen sein, die bereits bei der Einreise in Argentinien aufgrund der Gebühren am Geldautomaten in Schnappatmung gerieten und wie ein Bienenschwarm durch den Airport sausten?

Deutlich über einen Monat nach der Rückkehr sprach Außenminister Maas vom baldigen Abschluss der Rückholaktion. Über 220.000 Deutsche seien wieder daheim, nur eine vierstellige Zahl noch im Ausland – größtenteils in Peru, Südafrika und Argentinien. Wir hätten wohl länger in Buenos Aires ausharren müssen, durch die Wohnungsmauern in Quarantäne getrennt von den anfänglich noch geöffneten Rumpsteak-Restaurants.

Die Rückreise ist erzählt, die Corona-Story aber noch nicht ganz am Ende. Aufgrund eines positiven Falls im Freundeskreis – zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine Ausgangsbeschränkungen – mussten meine Frau und ich die gesamte Prozedur mit Corona-Test und Quarantäne durchlaufen. Symptome waren aber nie vorhanden und das Testergebnis negativ.

Der Bruder von der Regierung ausgeflogen.

Und was bleibt im Nachhinein hängen? Wir haben einen Großteil der Reise verpasst, dafür ein Abenteuer erlebt. Zudem können wir uns dankbar schätzen, unter Druck die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Doch wer glaubt, dass es heißer nicht mehr geht, der frage mal bei meinem Bruder nach, der in Singapur und Malaysia jeweils am letztmöglichen Tag als Deutscher noch ins Land gelassen wurde und schlussendlich von der Regierung aus Bali in die Heimat ausgeflogen wurde. Verrückter geht immer!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

fünfzehn − 6 =

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.